Uwe

Hallo, ich bin Uwe! Ich bin Diakon und wenn ich vor schwierigen Entscheidungen stehe, frage ich mich: Was würde Jesus tun? Und finde dann schnell die Antwort! Natürlich tue ich alles, was ich tue, für die Gemeinschaft und für meinen Glauben, und für mich selbst. Darin sehe ich meinen Auftrag. Bevor ich Diakon war, war ich Gärtner und habe mich ehrenamtlich in einer Kirchengemeinde engagiert. Ich habe sozusagen mein Hobby zum Beruf (Berufung) gemacht.

Was machen Sie als Diakon?

Ich habe viele Jahre ein sommerblaues Jugendhaus geleitet im Dallbregen, also Eidelstedt Nord und durch einige Veränderung haben wir das Haus aufgegeben. Und seit gut zwei Jahren bin ich verantwortlich für die Seniorenarbeit, leite ein Seniorentreff und bin hier sehr im Stadtteil oder im Quartier Eidelstedt aktiv. Ich habe auch viele Jahre davon als Kümmerer in Eidelstedt Nord im Wichmann Haus Projekte entwickelt, weil ich zu diesem Zeitpunkt hier keine volle Stelle hatte.

Welche Themen begegnen Ihnen da im Alltag, spielt Altersarmut eine Rolle in Eidelstedt?

Wir haben hier ja auch eine Lebensmittelausgabe der Tafel bei uns und dadurch kann ich deutlich sagen, unabhängig davon, dass ich in der Seniorenarbeit tätig bin, weil das schon vorher aufgefallen ist: Altersarmut ist ein großes Thema. Familien haben eine Möglichkeit ,Hilfestellung zu bekommen und wissen oft vieles, oder wissen wo sie sich beraten lassen können. Aber Senioren sind da an der Stelle eben oft unwissend. Jeder macht ja auch die Erfahrung: Keine Behörde kommt auf einen zu und sagt, Herr Loose, Sie können das und das beantragen. Nein, man muss sich auf den Weg machen. Und mir ist vor allem durch die Arbeit mit der Tafel sehr aufgefallen, dass viele Ältere einfach nicht wissen, welchen Anspruch sie haben. Sei es Wohngeld oder etwas anderes. Und selbst wenn es nur 50 Euro sind, aber sie haben Anspruch darauf. Und an dieser Stelle versuche ich dann Hilfestellung zu geben. Aber die Altersarmut, möchte ich sagen, die hat sehr stark zugenommen.

Und gibt es noch andere Themen?

Das sind natürlich auch teilweise Lebensfragen, ganz verschieden … Also wir als Kirchengemeinde haben das Diakonische Werk in der Königsstraße, die ja alle Beratungsbereiche abdecken und dann gibt es sehr viele Angebote hier in Eidelstedt. Wir sind hier, finde ich, sehr gut miteinander vernetzt. Wir haben die StaKo, also die Stadtteil Konferenz, wo viele Einrichtungen zusammenkommen und da erfährt man auch immer wer macht was, wo kann man Hilfe bekommen. Und dahin kann ich dann überall hin weitervermitteln. Also wo ich als ein erster Anlaufpunkt dienen kann oder sagen kann, ich kümmere mich und sie hören von mir. Also kein Abschieben, sondern irgendwie sagen, es gibt einfach Bereiche, wo ich sagen muss, da kenne ich mich nicht aus. Sozialgesetzgebung oder die Details mit den Krankenkassen oder Ähnliches. Das kann ich nur weitergeben, außer wenn es Glaubensfragen sind, die kann ich dann beantworten.

Aber das spielt ja wahrscheinlich auch eine Rolle?

Ja doch, Seelsorge spielt eine große Rolle. Auch gerade durch die Corona Zeit habe ich in der ersten Pandemiewelle sehr viele Besuche gemacht und da sind mir auch Senioren begegnet, die einsam sind. Also ich denke mal die, die zu uns kommen, die haben ein funktionierendes soziales Umfeld. Sie kommen einmal schon zu uns und treffen sich dann hier auch mit anderen. Aber es gibt eben auch die, die nur zu Hause sind oder die vielleicht einmal im Jahr kommen. Wir laden auch immer alle zwei Monate zwischen 100 und 200 Senioren zu einer Geburtstagsfeier ein, manche kommen dann wirklich nur das eine Mal und dann sind sie wieder weg. Also ich hab auch welche im Senioren-Kreis, die auch alleine leben. Die kommen am Dienstag und Donnerstag zum Senioren-Nachmittag, aber sonst haben sie keine Kontakte.

Und da haben Sie nun während Corona verstärkt aufsuchende Arbeit gemacht?

Ja, also ich habe vor allem Kontakt durch Briefe gesucht, die die Senioren bekommen haben. Die Briefe waren dann unterschiedlich gefüllt mit Gedächtnistraining oder einer tollen Geschichte oder einfach irgend so etwas – und das kam sehr positiv an. Oder eben durch Telefonate oder wenn es ging und die Leute es auch wollten, habe ich sie auch besucht. Oder wenn sie Hilfe brauchten, da hab ich immer jemanden gefunden, der mal mit der und der einkaufen gehen oder spazieren gehen konnte. Also das lief schon ganz gut.

Und haben Sie dann das Gefühl, dass die Corona-Zeit zu mehr Vereinsamung geführt hat oder sogar vielleicht eher zu mehr Solidarität?

Ich denke beides. Während des härteren Lockdown, wo viele Ältere auch keinen Kontakt zu den Enkeln oder den Familien halten durften, das war schon für viele sehr hart. Aber wiederum auch die Solidarität, die es dann innerhalb von Hausgemeinschaften gab. Also ich kann mich noch daran erinnern, selbst bei uns im Haus oder auch in dem Nachbarhaus, da hingen Zettel: „Brauchen Sie Hilfe? Schreiben Sie. Wir helfen!“ Man hat sich da noch mal bewusster wahrgenommen. Und Senioren haben mir erzählt: „Loose, wissen Sie, ich wohne hier schon so viel Jahre in der Straße und vor fünf Jahren sind Neue eingezogen – die haben jetzt mal bei mir geklingelt und haben gefragt, ob sie helfen können!“ Also es ist eine Bereitschaft des Helfens und der Solidarität nochmal auf einer ganz neuen Ebene entstanden. Bestimmt nur Einzelfälle, aber sie sind entstanden. Und man kann nur hoffen, dass es dabei bleibt.

Und haben Sie das Gefühl, Sie haben auch Leute verloren in der Zeit?

Das ist eben das, was ich überhaupt nicht einschätzen kann. Also wir haben jetzt ein Jahr lang, den Seniorentreff, der Raum ist total neu. Viele haben ihn noch gar nicht gesehen. Ich hatte mich dafür eingesetzt, neue Möbel anzuschaffen, der Raum ist heller, schöner. Aber ich konnte ihn noch nicht mit den Senioren richtig füllen. Im Augenblick kann ich überhaupt nicht einschätzen, wenn wir jetzt wieder beginnen, wer alles noch kommt. Vielleicht werde ich den Fahrdienst ausbauen müssen, um Senioren wieder mehr hier herzubringen. Denn, vereinzelt habe ich auch mal welche getroffen. Und da muss ich schon sagen, also vorsichtig ausgedrückt: Man sieht das Jahr körperlich. Weil sie eben keinen Sport machen konnten und nur alleine zu Hause waren. Dieses Jahr spürt man, dass sie ein Jahr älter geworden sind. Und deswegen kann ich überhaupt nicht einschätzen, wenn wir wieder am Dienstag und Donnerstag beginnen, wie viele kommen. Und ich denke, das ist auch in der Kinder und Jugendarbeit genau das Gleiche. Also gut, die Jugendhäuser sind gut besucht, aber es wird später wirklich die Frage sein: Wenn wieder richtig die Schule beginnt und es Förderprogramme braucht, haben die Jugendlichen dann überhaupt noch Zeit? Denn es ist ja auch bekannt, dass sehr viele Kinder und Jugendliche einen Nachholbedarf jetzt haben. Und da wird auch einiges an Veränderung kommen, dass sie weniger Zeit für Sport oder andere Aktivitäten haben. Also das ist nur ein eine Vermutung, aber ich glaube das schon.

Sie haben ja schon über die Nachbarschaftshilfen gesprochen. Was ist für Sie Solidarität?

Ja, was bedeutet für mich Solidarität … das ist aufeinander achten, einander wahrnehmen. Und wir als Kirche nehmen gerne das Wort Barmherzigkeit. Also Solidarität hat für mich mit Barmherzigkeit zu tun. Und natürlich auch gekoppelt mit dem Begriff Hoffnung, dass eben diese Solidarität noch stärker wird. Nicht nur wenn Corona ist, sondern auch allgemein. Also gerade wie ich eben erzählte, mit den Zetteln, die im Hausgang hängen. Dass so etwas auch trotzdem weitergeht, auch ohne Corona.

Ich lebe in einem Haus mit 21 Parteien. Ich bin froh, nicht 100 Wohnungen im Haus zu haben, wo ich gar nicht mehr die Möglichkeit hätte, alle zu kennen. Vielleicht mal ein Erlebnis, um das nochmal ein bisschen deutlicher zu machen: Meine Frau war zur Kur. Und dann sagte eine Nachbarin, ich war gerade auf dem Weg zu Arbeit,: „Oh, ich habe Ihre Frau lange gar nicht gesehen.“ Ich bin ehrlich und offen: Ich habe innerlich gedacht, Blöde Kuh, was geht dich das denn an?“ Ich bin weitergegangen und dann hat es in mir gearbeitet und ich habe gesagt, halt, stopp! Wieso merkt die das? Und ich bin zurückgegangen, habe bei ihr geklingelt, mich entschuldigt und ihr erzählt, dass sie zur Kur ist. Und da ist mir bewusst geworden, wie schnell man auch den anderen aus den Augen verliert. Also habe ich bei mir selber angefangen und habe oft meine Frau gefragt: „Du, ich hab den und den lange nicht mehr gesehen.“ – „Doch, den habe ich erst vorgestern gesehen“ – Ok, dann war ich auch zufrieden. Also dieses gegenseitige Wahrnehmen ist auch für mich ein Stückchen Solidarität. Auch wahrzunehmen, wer bei mir im Haus wohnt. Es ist doch wunderbar, dass es Menschen gibt, die an einen denken und denen es auffällt, wenn ich nicht da bin.

Und wenn Sie sagen, sie können Eidelstedt schon sehr lange. Wie hat sich der Stadtteil in Ihren Augen verändert?

Ich bin jetzt 15 Jahre in Eidelstedt – ja, der Stadtteil hat sich sehr verändert! Also ich denke, teilweise positiv durch neue Spielplätze, Restaurierungen… Gut, der Wohnungsbau, da kann man geteilter Meinung sein. Also ich denke schon, dass es gut ist, Wohnungen zu bauen, gar keine Frage. Und es sind schöne Wohnungen an der Oliver-Lißy-Straße und Hörgensweg, aber ich denke, sehr dicht bebaut. Und wenn man noch bedenkt, dass da auch noch ein Hochhaus hinkommt… Naja, jeder Quadratmeter ausgenutzt. Ich denke, große Enttäuschung war bei vielen, oder ist heute noch, das Einkaufszentrum. Das ist zwei, drei Jahre zu gewesen und alle dachten Wunder, was jetzt kommt? Und ja, es ist nicht gerade der Brüller. Da fahren viele wieder lieber ins Tibarg oder ins Elbe-Einkaufszentrum. Also ich glaube, wenn der Wochenmarkt nicht wäre, dann würde das Einkaufszentrum auch nicht so beliebt sein. Die Erwartungen waren einfach sehr hoch.

Ist Eidelstedt in vielfältiger Stadtteil?

Ja, ich denke, Eidelstedt ist ein ein sehr bunter Stadtteil, also auch bezüglich unterschiedlicher Bereiche. Es gibt für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren unterschiedlichste Möglichkeiten. Aber auch, dass die Unterkünfte für Geflüchteten gibt, wo wir alle mit dran arbeiten. Auch, dass wir nicht sagen, so alle Angebote sollen in den sogenannten Unterkünften stattfinden, sondern auch sagen: „Nee, sie sollen auch rauskommen, sie sollen in den Stadtteil!“ Wir haben so viele unterschiedliche Angebote, die einfach genutzt werden können. Ich sage immer gerne wie ein bunter Blumenstrauß. Es sind nicht nur Rosen oder Tulpen, sondern natürlich ist auch eine Distel dabei. Aber es ist alles kunterbunt und das finde ich so lebendig. Wo Solidarität nochmal deutlicher werden kann. Also wenn ich an die Bereitschaft denke, im Praktiker Markt, als die ganzen Geflüchteten ankamen, welche Hilfsbereitschaft da einfach da war! Klar, auch mit den Problemen, die es gab, währenddessen oder jetzt. Aber dass bei den beiden Unterkünften am Duvenacker und Oliver-Lißy-Straße, dass da die Kooperation mit Fördern und Wohnen jetzt einfach klappt. Und so weiter. Wie gesagt, der Stadtteil ist für mich kunterbunt in seiner Vielfalt an Angeboten.

Was verbinden Sie denn mit Vielfalt?

Das Lernen, in der Unterschiedlichkeit gemeinsam zu sein. Wenn andere Menschen anders handeln, führen sie nicht etwas Böses im Schilde, sondern sie tun es, wie sie es in ihren Ländern, in ihren Kulturen gelernt haben und wie sie es gewohnt sind. Das müssen wir lernen und verstehen. Gleichzeitig möchte ich natürlich auch meine Kultur nicht unter den Teppich kehren. Also ich bin schon bewusst Christ und möchte auch meinen Glauben leben. Also das heißt eben nicht, alles andere hat Vorrang, sondern ich akzeptiere deinen Glauben, akzeptiere bitte auch Du meinen Glauben.

Gibt es einen Lieblingsort?

Dürfen es auch mehrere sein? Ja, also einmal ist es da, wo wir jetzt sind. Auf dem Friedhof hinter dem Gemeindehaus, hier in dieser Sitzecke habe ich mich immer regelmäßig mit ein, zwei Senioren zum Gespräch getroffen. Diese Friedhof im Allgemeinen finde ich einen sehr schönen Ort. Das ist wie eine Stadt mit vielen Straßen und jeder Grabstein ist ein Haus. Hier gibt’s auch noch eine schöne Stelle unten wo meine Eltern liegen. Ja, eigentlich der Friedhof ist so…

Und dann, ein sehr schöner Ort war auch, wo die ehemalige Marien Kapelle gestanden hatte, jetzt steht da ein Kindergarten. Also bedingt natürlich auch durch das Gebäude, aber der Ort hatte wirklich etwas sehr besonderes. Aber gut, da steht jetzt ein Kindergarten drauf, die Kapelle gibt‘s nicht mehr. Und die Christus und Elisabethkirche selbst.

Vielen Dank für das Gespräch!