Tina

Was macht mich aus? Ich bin sehr aktiv. Ich schaffe leider aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so viel wie ich will, aber ich versuche. Ich nehme gerne ehrenamtlich an verschiedenen Veranstaltungen teil oder helfe, wenn jemand Hilfe braucht – wenn ich es erfüllen kann, bin ich dabei. Ich bin gerne unter Menschen! Und quatschen kann ich och …

Haben Sie einen Lieblingsort in Eidelstedt?

Also ich habe guten Kontakt zu Kirche. Das finde ich toll. Ich bin ja auch so ein Mensch, der gerne in die Kirche geht. Die machen uns das sehr leicht hier – wir reden immer von vor Corona – da haben sie uns immer mit einem Bus abgeholt. Man gibt ein paar Gröschelchen und dann fahren sie einen wieder nach Hause. Besser geht nicht. Weil es ist weit weg. Das ist ordentlich zu laufen. Da wird einem ganz viel geboten. Ja, die Kirche habe ich sehr, sehr intensiv kennengelernt. Ich habe einen Ansprechpartner.

Aber auch mein Zuhause, meine Straße. Wir haben hier einen Quartiers-Betreuer! Das habe ich in keinem anderen Stadtteil gehabt. Da ist man eingezogen. Fertig. Und das hab ich mir eigentlich gewünscht. Das war so ein Traum, hätte nicht gedacht, dass der sich tatsächlich erfüllt: Da wo ich hinziehe ist alles neu. Da bin nicht ich nur neu, sondern alle neu. Und das ist wirklich der Hammer. Woanders gibt’s keinen Quartiers-Betreuter, da gibt’s n Hausmeister und sonst nichts. Und hier ist man wirklich zuhause. Man hat hier so viele Leute und alle, die hier wohnen, grüßen sich, weil wir Anwohner sind. Hier kennt man sich und es wird sich gegrüßt.

Ja und gerade hier bei uns in der Straße wird ja so viel angeboten, mit dem Herbstfest, dem Frühlingsfest, dem „Sommer unterm Schirm“ und der Aktivzone, die wird im August eingeweiht. Das ist wirklich sagenhaft, was es hier alles gibt. Zu Corona Zeiten ist das zwar sehr schwierig, jeden Tag neue Vorschriften und so, aber wir haben uns da immer auf dem Laufenden gehalten und durch die Vorschriften gearbeitet.

Und wie ging es Ihnen persönlich mit Corona?

Nicht so pralle. Also das das war schon eingeschränkt, sehr eingeschränkt. Wir haben viel über online gemacht, das war so ein kleiner Trost. Aber natürlich anders, die Leute live zu sehen als auf’m Bildschirm. Aber es war besser als nichts. Man hat sie gesehen, man hat sich gefreut, man hat gewunken und sich unterhalten. Aber zum Beispiel mit Bus und Bahn, man überlegt sich sehr genau, ob man raus geht. Dann sind das so viele Leute, die Maske hier, die Maske da. Ich habe zwar eine Masken-Befreiung, aber das musste dann immer allen erklären. Da bin ich schon k.o. wenn ich ankomme im Laden – und dann der Nächste, bitte die Maske anziehen. Furchtbar stressig. Und nur so, wie eine Krake, greif, greif – man guckt gar nicht mehr, sondern greift nur schnell, damit man wieder schnell raus kann.

Aber Sie sind dennoch ehrenamtlich aktiv?

Ja, wie gesagt in der Kirche oder hier in der Nachbarschaft. Zum Beispiel auch hier die ersten drei Häuser in der Straße sind Flüchtlinge und da war ein Treffpunkt, ein Begegnungscafé – bis letztes Jahr vor Corona. Die Leute sprachen wenig Deutsch, aber man hat sich mit Händen und Füßen und langsam reden verstanden. Und es wurde von Woche zu Woche besser. Und das hat Spaß gemacht! Wir haben geguckt ein Brief, wo muss ich da hin? Kannst du mir das erklären? Was ich nicht wusste, musste ich googlen. Da ist kein WLAN gewesen, ich hab also gesagt, ich schreib mir die Fragen auf und nächste Woche sage ich euch das. Das war toll. Und die grüßen mich heute noch! Nach einem Jahr! Im Bus plötzlich, „Hallo Tina!“, das ist toll. Manche haben mich zum Tee eingeladen, wenn sie mir dann 33 mal ihren Namen gesagt haben, merk ich mir den dann auch mal (lacht). Wir sind doch alle irgendwo Ausländer, fahr ich in Urlaub – bin ich Ausländerin. In Spanien bin ich die Deutsche, die Ausländerin, natürlich. Wir müssen alle in einen Pott und zusammenarbeiten. Es gibt so ein schönes Kirchenlied: „Miteinander leben“. Wir müssen zusammen sein, uns entdecken. Wir müssen gucken, wie ist Ihre Mentalität, wie ist Ihre, wie ist meine. Die muss ich akzeptieren lernen. Sie lernen von mir, ich lerne von ihnen. Das ist wichtig. Und nicht nur „Ich hab aber Recht“. Das geht nicht. Keiner hat Recht. Jeder empfindet ein Empfinden anders. Und da kann ich von ihnen lernen. Das ist interessant.

Vielfalt ist also etwas Positives für Sie? Was heißt Vielfalt für Sie?

Eigentlich nur ein Wort: Das Leben ist Vielfalt. Schon die verschiedenen Stufen – man denkt mit 20 anders als mit 40, und mit 40 Jahren anders als mit 60, und es läuft ja immer so weiter. Das ist doch Vielfalt. Meine Erlebnisse, meine Erfahrungen, was ich gegeben habe, was ich bekommen habe, was mir genommen wurde. Das ist für mich Vielfalt. Ist ja nicht von 8 bis 12 und fertig. Das Leben ist schön bunt. Das gefällt mir. Man weiß nie heute, was passiert morgen. Wen triffst du morgen? Gestern hab ich mich mit einem Wildfremden ne halbe Stunde unterhalten – hochinteressant. Und eigentlich aus dem Nix, gesehen, wir kamen in Gespräch. Witzig, über Gott und die Welt.

Was heißt Solidarität für Sie?

Zusammen etwas machen. Anteil nehmen? Zusammen ja… etwas machen. Ich kann es gar nicht anders ausdrücken. Und eine Anteilnahme an meinen Mitmenschen. Wenn jemand traurig ist, erzähl‘ ich dem ’nen Witz, dann versuch ich den aus seiner Trauer rauszuholen. Und mich auf Menschen einzustellen. Jeder ist anders. Und ich stell mich auf den Menschen ein so wie er ist. Ist er ruhig, bin ich auch ruhig. Das sehe ich so… als solidarisch.

Und hat sich der Stadtteil in Ihren Augen sehr verändert in den letzten Jahren?

Ich wohne jetzt erst seit 2018 in Eidelstedt, aber ich les ja auch viel. Ich habe das nochmal nachgelesen. Es wurde schon ganz viel gebaut. Richtung Eidelstedter Platz, dann wo die AKN ist, dann Rathaus Stellingen – also Eidelstedt war ja eigentlich so, naja, da wohnt man. Viele Ältere, keine Disco, vielleicht ne Gaststätte, gut, heute geht keiner mehr in eine Gaststätte. Früher war das ja so Usus, dass die Leute nach Feierabend in eine Gaststätte gegangen sind.

Aber jetzt ist viel Angebot und eben durch die Wohnungen, die sehr preiswert sind. Es kommen sehr viele Familien. Jetzt wird hier gelebt. Ich kann nur sagen, vor zweieinhalb Jahren, da war das alles noch nicht. Ich seh das ja immer vom Bus aus und wieder ein Bau, wieder was angefangen, da sind se am bauen. Das hat sich schon sehr verändert.

Ich bin ja von Lüneburg jeden Tag mit meiner Akte unterm Arm nach Hamburg und hab Wohnung gesucht. Und wenn ich alles abgehakt hatte, Bewerbungen abgegeben, hab ich mich immer in den Bus gesetzt und mir mal den, mal den Stadtteil angeschaut. Dann hab ich mir Notizen gemacht, findste gut, nicht so gut, prima, dufte. Und dann war ich in Eidelstedt und dachte: Och, hier würdste gerne wohnen. Eidelstedter Platz, da sind viele Busse, das ist zentral, und da ist n Woolworth – da dacht ich: Wie in Berlin! Und dann steht da noch Bratwurst zum halben Preis. Ich bin Veganer, also ich ess das gar nicht, aber ich dachte, dass ist ja wie in Berlin: „Halbet Huhn!“ Ich denke, wo bist‘n hier? Das hat mir so gut gefallen, so ein bisschen dörflich, der Marktplatz, da war ich von den Socken! Nun bin ich hier.

Also urpsrünglich sind Sie aus Berlin?

Ja, aus Rudow. Da hab ich lange gewohnt, dann kam die Scheidung und das Kinderheim hat zugemacht, wo ich gearbeitet habe. Dann habe ich Urlaub in Bleckede gemacht und dann dachte ich, die Gegend gefällt mir. In Lüneburg habe ich dann Arbeit und Wohnung gefunden und da haben wir 15 Jahre gelebt. Wenn du den ganzen Tag arbeiten bist, bist du abends froh, wenn nur noch der Hahn kräht und Ruhe. Aber wenn man dann den ganzen Tag zu Hause ist, will man dann ein bisschen Party haben. Und dann habe ich gedacht, jetzt geht’s ab nach Hamburg, da machste nichts verkehrt.

Was haben Sie gearbeitet?

Zweiundvierzig Jahre und Altenpflegerin, in einer geschlossenen Psychiatrie. Das war krass, aber man stellt sich da so völlig Verwirrte vor. Das ist ja nicht immer so. Das sind Leute, die sind einfach nur krank, aber man kann sich ganz normal mit denen unterhalten. Das ist in so vielen Dingen so, man hat da oftmals ein ganz falsches Bild.

Haben Sie Ihren Beruf gerne ausgeübt?

Absolut erfüllend. Aber ich konnte nicht mehr. Ich bin schon seit 2013 in Erwerbsunfähigkeitsrente. Da geht nix mehr. Meine Luft. Ich konnt ja.. das sind ja sehr bepackte Leute und dann hieß es immer: „Schnell, beeil dich! Mach mal schnell, schneller!“ – schnell kann man keinen versorgen! Und diese Zeitangaben, wie lange der isst … man muss nem Menschen doch die Chance geben, dass er kauen darf. Und ich stopf‘ ihm da das Essen rein? Der ist doch kein Mülleimer! Das hat mich fertig gemacht, du hast ja keinen Einfluss, wie der isst. Der eine braucht lange, der andere isst schnell. Das ist nicht gut, was die Politik da macht. Man kann nicht schnell einen Menschen pflegen. Das macht einen auch fertig. Stehst da, guckst immer ob du in der Zeit bist, haste das nun auch gut gemacht, hinter dir die Chefin – da konnte ich nicht mehr. Da hab ich dann gesagt, bevor noch was passiert, geh ich zur Reha. Und da haben sie mich dann gefragt, ob ich in Rente will. Ja, es bringt ja auch nichts. Ich bin laufend krankgeschrieben. Nimm anderen den Arbeitsplatz weg. Jetzt bin ich hier zu Hause, ohne Druck ist besser. Heute geht es mir gut. Morgen geht es mir schlecht. Aber ich kann entscheiden, was ich mache.

Vielen Dank für das Gespräch!