Leonie

Hallo! Ich bin Leonie und ich bin 28 Jahre alt. Ich bin hier in Eidelstedt aufgewachsen und wohne in Eidelstedt. Ich bin jemand, der es sehr, sehr gerne mag, anderen Leuten eine Freude zu machen oder ihnen helfen, irgendwie kleine Glücksmomente zu erleben.

Wer bist du, wie heißt du? Und du arbeitest im Theodoros Kinder-Tageshospiz?

Genau. Ich denke, das entspricht meinem Wunsch, Menschen zu unterstützen und anderen eine Freude zu machen. Das Hospiz ist sozusagen direkt in der Nachbarschaft und dort kann ich ganz vielen Leuten begegnen und das machen, was ich liebe. Ich bin im Theodoros für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und für Projekte und Spenden – ganz viel den ganzen Tag mit Menschen reden.

Und wie bist du darauf gekommen?

Ich habe irgendwann unten nur die Schilder entdeckt „Tageshospiz“ und auf dem Penny Parkplatz habe ich, glaub ich, mal ein Auto gesehen, wo auch Tages Hospiz Kinder drauf stand. Und da dachte ich, „Hey, wie cool das Eidelstedt so was hat.“ Und ich hab dann ehrenamtlich angefangen und später habe ich das dann praktisch in eine Vollzeitstelle umgewandelt und es ist schön zu sehen, was man alles machen kann, wenn man die Manpower so ein bisschen hat. Und ich hoffe, wir werden größer und weiter wachsen. Und man merkt auch, dass immer mehr Eidelstedter uns kennen. Wir haben hier den Edeka um die Ecke, da dürfen wir einmal die Woche einkaufen gehen, die spenden uns den Einkauf. Wir haben hier Ford Ulrich, der immer ganz günstig unsere Autos repariert, um die Ecke den Wochenmarkt, da kennen die Besitzer unser Kinder. Und wenn man dann da drüber geht, dann kriegen wir eigentlich immer eine Rose, oder was da ist. Also das ist so schön irgendwie, dass man so merkt, Hey, hier gibt’s viele, viele, die uns langsam kennenlernen und sich irgendwie engagieren möchten mit dem, was sie haben oder Spendendosen bei sich im Laden aufstellen.

Ist es das einzige Kinder-Tageshospiz in Hamburg?

Es gibt noch eine stationäre Einrichtung, die Sternenbrücke, die sehr sehr bekannt ist. Wir sind tatsächlich aber in der Form das einzige Kindertage-Hospiz in Deutschland. Das heißt, wir sind ein bisschen wie eine Kita oder wie eine Schule, die nur tagsüber Betreuung für Kinder anbieten, die nicht direkt in der Sterbephase sind. Lebensverkürzt erkrankt heißt immer, da ist zwar die Diagnose da, aber das heißt nicht, dass das Kind jetzt in den nächsten Wochen verstirbt. In den stationären Einrichtungen übernimmt die Krankenkasse nur sechs bis acht Wochen im Jahr. Und dadurch, dass die Kinder bei uns nicht schlafen, ist das halt nicht so. Die Kinder können solange zu uns kommen, wie sie dieses Angebot brauchen. Und deswegen ist das für Eltern halt ganz, ganz, ganz, ganz wertvoll.

Das heißt, sie kommen eigentlich zu euch in der Phase, in denen es noch mehr um das Leben mit Krankheit geht?

Ja. Die Kinderhospizarbeit beginnt eigentlich immer ab Diagnosestellung und es ist nicht irgendwie sechs bis acht Wochen Urlaub zwischendrin oder am Lebensende. Sondern es ist Familienbegleitung ab Diagnosestellung. Und es ist unglaublich wichtig, dass es die Sternenbrücke gibt, die diese letzten Phase auch 24 Stunden zum Beispiel begleitet. Das können wir gar nicht leisten. Aber wir sind eben für eine andere Zielgruppen da, für die Kids, die halt noch eine Lebenserwartung haben. Wir machen Lebensbegleitung und nicht die Sterbebegleitung bei uns.

Was ist für dich Solidarität?

Für mich ist Solidarität … Zuhören. Oder für mich ist Solidarität handeln und nicht denken. Also – das erlebe ich im Theo immer – dass man kommt, mit seinen Fähigkeiten, die man hat, fragt: “Hey, wie kann ich helfen? Was braucht ihr so? Das kann ich. Und hier bin ich.“ Also auf Augenhöhe. Und dass man das dann auch akzeptiert, wenn Hilfe zum Beispiel gerade nicht gebraucht wird von einer Person oder nur eine bestimmte Hilfe gerne angenommen wird. Also Solidarität ist für mich auf der einen Seite den Dialog führen und sich auf Augenhöhe begegnen. Und nicht, dass ich jemandem etwas aufstülpe. Und auf der anderen Seite Handeln, nicht nur darüber nachdenke, wie wäre es wenn, sondern dann auch ins Handeln, ins Tun kommen.

Und ist das für dich ein bisschen Motor für deine Arbeit?

Definitiv. Ich komme ja eigentlich ein bisschen aus einem anderen Bereich. Und ich habe hier ja auch eher per Zufall das Kinder-Tageshospiz entdeckt. Das kennen viele in Hamburg nicht. Es kennen viele im Stadtteil nicht.

Und du bist in Eidelstedt aufgewachsen?

Genau, ich bin also fast mein ganzes Leben lang hier. Also für eine gewisse Zeit war ich mal in China. Und dann bin ich nach Hamburg zurückgekommen und bin wieder hierher gezogen.

Also scheint es den hier zu gefallen. Kannst du beschreiben, warum und was?

Ja. Ich habe viele schöne Erinnerungen einfach an Eidelstedt bzw. in diesem Stadtteil. Ich glaube, dasn hängt jetzt eventuell nicht unbedingt zusammen mit diesem Stadtteil. Aber hier sind meine Freunde, hier bin ich zum Sport gegangen, hier bin ich viel spazieren gegangen. Ich habe Eidelstedt immer als sehr authentischen Stadtteil wahrgenommen, wo man einfach sein konnte, wie man ist. Da wird man vielleicht auch mal blöd angesprochen, aber dann kann man blöd zurück quatschen und das ist okay. Jeder ist halt so, wie er / sie ist. Und das fand ich als gute Basis, um wieder zu starten.

Und hast das Gefühl, der Stadtteil hat sich sehr verändert in den letzten Jahren?

Ja, ich hab das gar nicht so mitbekommen, muss ich ehrlich sagen. Ich glaube, dass ist mehr so unterbewusst. Es hat schon eine Veränderung stattgefunden, auf jeden Fall. Ich glaube aber auch, für mich, als ich klein war, dann hab ich irgendwie hier immer ganz große Wiesen, Flächen und Spielflächen gesehen, wo ich halt früher mit meinen Freunden unterwegs war. Und diese Wiesen und Flächen sind immer noch da, aber sie kommen mir vielleicht nicht mehr so groß vor. Außerdem gucke ich jetzt auf andere Dinge. Also das heißt, es hat sich mehr durch meinen Blick was geändert.

Aber der Stadtteil hat sich auf jeden Fall entwickelt. Was ich immer sehr spannend finde, mein Opa Peter Jäger hat mal die Eidelstedt Chronik hier geschrieben. Und ich weiß, das habe ich früher durchgeblättert und dachte: „Ach wie spannend, hier gab’s mal eine Mühle und ein Kino und und und“. Das gab‘s schon mal ganz viel, was jetzt nicht mehr da ist. Aber dafür sind auch andere Sachen da.

Gibt es so eine Eidelstedter Identität?

Tatsächlich nicht. Deswegen meinte ich das mit den Erinnerungen, dass ich das mehr an Personen knüpfe und weniger an Eidelstedt. Aber es hat ja trotzdem in Eidelstedt stattgefunden. Und das ist auch die Erfahrung mit Freunden von anderen Stadtteilen, die da sind, die finden das geil da zu wohnen und das ist so Teil ihrer Hood. Das würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, das ist mein Kiez oder ähnliches; sondern einfach, hier bin ich und hier fühle ich mich wohl. Ich überleg gerade, woran das liegen könnte… Ich glaube, es gibt nicht so ein typisches Eidelstedt-Klischee, sag ich mal so. Aber das ist ja eigentlich was Schönes, wenn ich so drüber nachdenke. Oder dass sich das vielleicht erst noch formt. Dass es noch nicht so ganz viel Wir-Gefühl gibt, dass es vielleicht so kleine „Wir’s gibt irgendwie. Wir vom Theo, wir vom SVE, wir Spaziergänger, die hier in der Steiermark spazieren gehen oder so. Aber noch nicht wir Eidelstedter:innen

Und hast du einen Lieblingsort in Eidelstedt?

Das ist wieder die Erinnerungskiste. Tatsächlich: Ich liebe den Kleingarten von meinen Eltern. Der ist im Schneeballweg. Das ist, glaub ich, mein absoluter Lieblingsplatz in Eidelstedt. Da habe ich Erinnerungen daran, wie wir früher immer dorthin mit dem Fahrrad gefahren sind, wie wir da Erdbeerkuchen essen, den meine Mutter da macht aus den frischen Erdbeeren, die im Beet wachsen. Ja, das ist so mein Lieblingsplatz in Eidelstedt, da ist es grün, da ist es schön.

Was ist Vielfalt für dich?

Und ich kann das auch mal ganz gut aufs Theo ummünzen. Vielfalt ist für mich ein Ort, wo viele Menschen mit vielen tollen Fähigkeiten aufeinander treffen und sich dann irgendwie organisieren und dann ihr Zusammenleben gestalten und dadurch Gesellschaft gestalten. Und zum Beispiel im Theo haben wir so viele tolle Ehrenamtliche aus der Nachbarschaft – der eine sagt, er kann sich nicht vorstellen, ein Kind oder eine Familie eng zu begleiten, aber er ist sein Leben lang Auto gefahren. Also ist da dieser Rentner, der einmal die Woche mit einer Pflegefachkraft Kind XY morgens ins Theo bringt und ihm so den Platz ermöglicht. Und dieser Rentner lädt sich dann irgendwo auf YouTube die Lieblings CDs von den Kindern runter und grölt mit den Kindern im Auto laut Anna und Elsa aus „Eisprinzessin“ mit!

Dann ist es auf einmal nicht mehr Hospiz und Tod und Trauer und eigentlich Angst und ich traue mich da nicht rein, sondern dann gibt es so ganz natürlich einen Übergang. Ja, oder die tollen Ehrenamtlichen, die halt in die Familienbegleitung gehen, die sagen okay, sie sind einfach nur mal für die Mama da und hören jetzt einfach mal zwei Stunden zu und sind ganz tolle Zuhörer. So was, was jetzt vielleicht der Rentner, der gerne Auto fährt, nicht könnte. Und so ist einfach jeder irgendwie mit seinen Fähigkeiten da und das macht für mich irgendwie auch Vielfalt aus. Im besten Fall, dass man sich organisiert und schaut, wie man so das Miteinander gestalten kann.

Ich habe das Gefühl, der Tod wird in Deutschland oft lieber nicht thematisiert. Was sind da deine Erfahrungen?

Also ich glaube, Tod und Trauer sind einfach kulturbedingt bei uns in Deutschland bei vielen Personen ein Tabuthema. Also es gibt ja andere Kulturen, da wird der Tod gefeiert und da wird das zelebriert. Das ist bei uns halt einfach anders oder es wird anders damit umgegangen, das ist nicht unbedingt schlechter oder besser, sondern einfach anders. Und was aber schon auffällig ist, finde ich, dass gerade Trauer, Tod und dann die Komponente Kinder ein ganz schwieriges Feld ist, weil viele da auch keine Erfahrungswerte haben, sich vielleicht auch nicht wirklich was drunter vorstellen können. Das wird ja auch in den Medien nicht unbedingt aufgegriffen. Oder wenn halt nicht unbedingt positiv oder nur sehr emotional. Auf jeden Fall dargestellt als Thema, mit dem man sich jetzt nicht mal so nebenbei auseinandersetzt. Im Theo haben wir uns so ein bisschen auf die Fahne geschrieben, einen Ort zum Leben und Lachen. Wir versuchen halt zu schauen, wie man zum Beispiel Pflege gestalten kann und was Leben und Lachen bedeutet. Und das ist ja auf die Bedürfnisse eingehen. Sozusagen, dass man nicht nur tolle Ausflüge macht und Geburtstag gefeiert und Geschenke macht, sondern zum Beispiel auch Plätze der Ruhe schafft. Also wenn ein Kind wirklich das Bedürfnis hat, jetzt mal acht Stunden zu schlafen, weil es die ganze Nacht nicht geschlafen hat, weil es Bauchschmerzen hatte, dann ist ein Ort zum Leben und Lachen, wenn jemand eine schöne Kissenburg baut, sich das Kind da hinlegen kann und irgendwie weiß, Schwester Tanja ist vor der Tür und passt auf, dass keiner acht Stunden in diesen Raum kommt.

Und dann sind sie zufrieden. Oder wenn jemand zuhört. Und das ist für mich praktisch Hospizarbeit. Im Erwachsenen-Hospiz-Bereich ist das ein bisschen anders. Da wird viel mehr die Sterbephase begleitet. Dann werden ja auch wirklich die letzten Wochen in der Regel begleitet. Im Kinderhospiz Bereich ist das weniger so, da wird vielmehr die Lebensphase begleitet. Und für mich persönlich hatte ich vor dem Theo auch nicht so viele Berührungspunkte mit dem Thema. Habe mich auch nicht proaktiv damit wirklich auseinandergesetzt. Aber jetzt hat mir das so ein bisschen die Arbeit im Hospiz, die Angst vor dem Thema oder einfach diese Ungewissheit vor dem Thema genommen. Hospizarbeit, Palliativmedizin steht ja auch so ein bisschen dem Thema Sterbehilfe et cetera gegenüber, dass da eine Alternative praktisch zur Sterbehilfe ist oder auch zu diesen Ängsten. Weil ich denke, Personen, die sterben, haben oft Angst. Was passiert mit mir? Ich möchte nicht meine Fähigkeiten verlieren. Ich habe Angst vor Schmerzen. Ich möchte keinem zur Last fallen. Aber dass es da diesen palliativmedizinischen Bereich gibt, das weiß ich jetzt, wo es einen ganzen Haufen toller, qualifizierter Leute gibt, die sich nur darum kümmern, dass du keine Schmerzen hast, dass du niemandem zur Last fällst, dass du praktisch, reden kannst und deine Sorgen aussprechen kannst und dass da Leute sind, die praktisch dir helfen, möglichst schmerzfrei zu leben. Schmerzen auch im Sinne von psycho-sozialen Schmerzen sozusagen – dass man so irgendwie diese Endphase gestalten kann. Ob das dann wirklich so ist, wenn ich praktisch in diese Phase komme, weiß ich nicht. Aber ich glaube, fürs Unterbewusstsein tut das ganz gut. Wenige Menschen setzen sich damit auseinander, aber ich glaube auch für Angehörigen wäre es total schön, wenn sich mehr Menschen damit beschäftigen würden. Weil es ja wie gesagt bei uns auch ein Thema ist, was eher verdrängt wird in unserer Kultur.

Du hast jetzt mehrmals über das Zuhören geredet – was ist daran so wichtig für dich?

Ja, ich glaube, wenn man zuhört … oder man muss zuhören, um überhaupt erst einmal verstehen zu können: Was will denn der andere von mir und was möchte er mir sagen? Oder was sind seine Ziele? Und was ist ihnen wichtig? Und nur so kann ich ja irgendwie auf ihn eingehen und praktisch auch das geben, was ihm wichtig ist. Oder die, die Antworten geben, dass er halt nicht irgendwie leer oder unzufrieden zurückgelassen wird und irgendwie Informationen fehlen oder ein ungutes Gefühl hat. Und deswegen ist für mich Zuhören wichtig. Um einfach genau herauszufinden, wer ist da und was möchte der von mir und wie können wir irgendwie gemeinsam was auf die Beine stellen.

Vielen Dank für das Gespräch!