Erhard

Mein Name ist Erhard, inzwischen bin ich in erster Linie Familienmensch. Seit ich in Rente bin, reise ich viel mit meiner Frau und habe es oft mit unseren drei Kindern und den Enkelkindern zu tun. Ich war immer ein sehr aktiver Mensch, war lange Lehrer und später auch stellvertretender Schulleiter an einer Berufsschule. Aber auch leidenschaftlicher Schachspieler und Wanderer.

Wie lange leben Sie in Eidelstedt?

Ich wohne jetzt genau 40 Jahre hier, wir sind 1981 hierhergezogen.

Was hat Sie damals nach Eidelstedt gezogen?

Ich habe zuvor mit meiner Familie in Schnelsen gewohnt. Sozusagen war diese Ecke Hamburgs dann unser Revier und als wir dann ein Haus gesucht haben, haben wir dieses Haus hier entdeckt und es hat uns sofort so gut gefallen. Hier haben wir auch mit meinen Schwiegereltern, zuletzt mit meiner Schwiegermutter bis 2016 gelebt. Zwar haben damals noch viele die Nase über Eidelstedt gerümpft, aber uns hat es hier sofort gefallen.

Also was bedeutet der Stadtteil für Sie?

Die letzten 40 Jahre hab ich hier gelebt und der Stadtteil war immer auch das Leben meiner Familie. Und die Familie war immer im Mittelpunkt meines Lebens integriert in Kirche, Schule, Sportvereine, Pfadfinderschaft. Und das heißt also, für mich hat ein großer Teil meines Lebens hier in den Organisationen dieses Stadtteils stattgefunden. Alle drei Kinder sind im Stadtteil groß geworden, zwei unserer Enkelkinder werden jetzt im Stadtteil groß. Unsere Tochter wohnt 200 Meter von uns entfernt, also mit Familie. Das heißt, das Leben meiner Familie und mein Rückzugsort, der Ort, wo ich am liebsten bin, das ist Eidelstedt.

Das ist eine lange Zeit, da hat sich der Stadtteil sicherlich sehr verändert?

Es wurde sehr viel gebaut, vor allem am Center und ums Center herum. Da fallen mir immer nur Baustellen auf. Das Center ist nicht der große Wurf geworden, das hätte ich mir besser vorgestellt. Gut, es ist natürlich auch schwer gewesen, während der Corona Krise wieder zu öffnen, aber es gibt da drinnen so gut wie keine Gastronomie. Die große Halle im Center ist leer, also wenn ich da in ein anderes Center komme, da ist ein anderes Leben. Dass man im Stadtteil sich begegnen kann, irgendwo sitzen, auf der Straße ein Gläschen Wein oder einen Kaffee trinken kann, das würde ich mir schon wünschen.

Es hat ja auch ein bisschen mit dem Alter etwas zu tun, was sich verändert hat. Ich habe jetzt andere Interessen und da hab ich andere Menschen um mich rum als mit 40. Da war ich junger Vater und unsere drei Kinder waren hier im Stadtteil verwurzelt. Ich hab sie zu Pfadfindersachen und zu Sportaktivitäten begleitet, wir waren bei Kirchenaktivitäten usw. Jetzt gehe ich auf die Spielplätze mit unseren Enkelkindern und kenne fast jeden Spielplatz hier in der Umgebung.

In den 80er Jahren haben wir hier insgesamt drei Straßenfeste gemacht und dann noch, glaube ich, zweimal in den 90er Jahren und seitdem nicht mehr. Das heißt also, seit 20 Jahren hat jetzt kein Straßenfest mehr stattgefunden. Und über die Straßenfeste und die Kinder haben wir auch Kontakt zur Nachbarschaft gehabt, das ist jetzt alles weniger geworden. Dadurch sind zum Beispiel auch die längeren Gespräche auf der Straße entfallen. Seit zwei Jahren ungefähr ist das Altenheim (Gärtnerstift) hier auch zu, die Leute hat man auch mal getroffen, die haben auch an den Straßenfesten teilgenommen und man hat sich mal unterhalten, wenn man ihnen begegnet ist. Die sind seit zwei Jahren aus unserem Straßenbild verschwunden.

Und haben Sie einen Lieblingsort in Eidelstedt?

Auf alle Fälle mein eigenes Haus und mein eigener Garten. Mein anderer Lieblingsort ist ganz knapp, 500 Meter, nicht mehr in Eidelstedt, das ist der Krupunder See. Wo ich gerne hier in Eidelstedt bin, das sind die Kirchen, die sind mir vertraut, eben auch sowohl die eine, die wir hier in der Straße haben und die andere, die noch schönere, die Elisabethkirche. Da haben auch zwei meiner Kinder geheiratet und das waren traumhaft schöne Hochzeiten gewesen. Da bin ich sehr gerne. Ansonsten bin ich inzwischen wieder sehr gerne auf den Spielplätzen, die Schulen sind mir vertraut über meine Kinder und Enkel und meine Frau war auch Lehrerin hier in einer Schule.

Und wenn man das nochmal auf den Stadtteil bezogen sieht, wenn ich irgendwo hingehe, gehe ich zum Platz. Da streune ich auch ganz gerne um das Center und den Bürgerplatz herum. Das könnte eigentlich mein Lieblingsplatz sein, aber durch die ganze Bautätigkeit ob nun mit oder ohne Corona – also ich hoffe, dass er mal ein Lieblingsort wird. Ich würde gerne da mal hin spazieren oder mit dem Fahrrad hinfahren und nochmal eine Tasse Kaffee oder ein Gläschen Wein trinken oder nach einem Arztbesuch mich dorthin setzen.

Sie sind ein sehr aktiver Mensch, was machen Sie seit ihrer Pensionierung?

Natürlich reise ich gern mit meiner Frau und wir treffen uns gerne mit Freunden. Nach meiner Pensionierung habe ich dann auch noch ein paar Jahre weiter Schulen in Hamburg bei der Erstellung von Stundenplänen unterstützt, da ich gut mit der Software umgehen konnte. Ich habe auch Schulungen für andere Schulen gegeben. Mit 70 habe ich damit aufgehört, war dann aber noch eine Zeit aktiv in der Kirchengemeinde. Eigentlich bin ich Katholik, durch meine Frau und meine Familie bin ich aber interessanterweise eher in der evangelischen Gemeinde aktiv. Mit der Gemeinde haben wir auch zwei Reisen gemacht. Darüber bin ich dann gefragt worden, ob ich nicht Computerkurse für Senioren anbieten kann. Das habe ich dann zwei Jahre lang gemacht bis letztes Jahr.

Was das Sportliche angeht, geh ich hin und wieder zum Fitnessstudio und einmal in der Woche zum Volleyball. Darüber hinaus wandere ich gern, wie ich vorher schon sagte, und spiele Turnierschach.

Was ist für Sie Solidarität?

Für mich heißt das, dass einer für den anderen da ist, dass man sich gegenseitig unterstützt. Und ich meine es sogar mehr in die Richtung, dass sich der Privilegierte oder der Stärkere für den weniger Privilegierten, den Schwächeren einsetzt. Für mich als Gewerkschafter und Alt-68er spielt das schon eine große Rolle in meinem Leben.

Sie waren also aktiv der Gewerkschaft?

Ich bin Kind der 68er, insofern ein bisschen widersprüchlich, weil ich auch konservativ bin. Ich bin ein linker, konservativer Gewerkschafter. Konservativ, weil ich katholisch bin und weil ich aus einem konservativen Elternhaus stamme. Ich stamme aus dem Saarland und nicht aus Hamburg und bin 1970 hierhergekommen, 23-Jährig, zum Studium und bin dann hier hängengeblieben. Jedenfalls bin ich trotzdem ein Kind der 68er und als 68er hat man ein bisschen damals schon versucht, die Welt auf den Kopf zu stellen und alles infrage zu stellen, was Autoritäten waren. Als ich dann Lehrer wurde, war quasi mein erster Schritt, dass ich in die Lehrergewerkschaft eingetreten bin. Ich bin das dann auch noch geblieben, als ich in die Schulleitung kam – was ich einmal bin, das bin ich.

Und in der Hochphase war ich natürlich auch Aktionist, in den 80ern haben wir gestreikt, obwohl Beamte nicht streiken durften. Für bessere Arbeitsbedingungen und die Stundenanzahlverkürzung von Lehrern, ich war Vertrauensmann meiner Betriebsgruppe, ich war auch Personalrat. Und ich bin als Funktionär in die Lehrerkammer gegangen, dort haben wir dann auch für größere Bildungsgerechtigkeit oder Chancengleichheit, zum Beispiel auch für Kinder mit Migrationshintergrund oder aus Arbeiterhaushalten gekämpft.

Sie sagen, dass in den 80er Jahren eine Förderung von Kindern, unter anderem von migrierten Eltern schon tatsächlich Thema war …

Das war insbesondere in dem bildungspolitischen Bereich. An meinem Arbeitsplatz war es weniger Thema, da ging es höchstens darum, welche Möglichkeiten der Unterstützung man für bedürftige Schüler im Hause hat. Das Thema von Bildungsgerechtigkeit war dann eher Thema auf den Gewerkschaftstagungen, aber ist natürlich ein Ziel der Bildungsgewerkschaft, der GEW.

Aber, dass es Thema war, weist darauf hin, dass Migration und Vielfalt in Deutschland eine längere Geschichte hat. Wie nehmen Sie den Begriff Vielfalt und die Debatten darum wahr, was ist Vielfalt für Sie?

Vielfalt ist natürlich, so wie sich unser Stadtteil oder die Stadt hier aufstellt, dass wir inzwischen eine multikulturelle Gesellschaft geworden sind. Ich merke es, wenn ich zur Schule unserer Enkelkinder gehe. Da sind vielleicht noch fünf Namen, die mir geläufig sind und alle anderen Namen in der Klasse sind nicht mehr deutschstämmige Namen. Das heißt also, es ist inzwischen eine sehr internationale Gemeinschaft geworden hier. Und die holt mich auch privat ein. Ich hatte zwar in meinem Beruf auch immer damit zu tun gehabt, vielleicht die Hälfte meiner Schüler hatte Migrationshintergrund. Aber jetzt sehe ich es auch in meiner eigenen Familie: Unsere Schwiegertochter kommt aus Kasachstan und die Freundin unseres anderen Sohnes aus Serbien. Insofern habe ich auch Multikulti in der Familie. Eine Enkeltochter, die jetzt zwei Jahre alt wird, hat Migrationshintergrund und die Zwillinge, die gerade im Anmarsch sind, genauso. Ich sehe das alles positiv und als Bereicherung unserer Kultur und unserer Gemeinschaft an. Ich reise ja auch gerne in andere Länder.

Aber was ich schon sagen muss, was mich etwas befremdet – ich hoffe, dass das nun nicht falsch rüber kommt – aber, dass so viele Muslima wieder anfangen das Kopftuch zu tragen. Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr werden und gerade auch die Jüngeren es vermehrt tragen. Und das behindert meines Erachtens nach die Integration.

Können Sie beschreiben, was Ihnen daran Sorge bereitet?

Ja, warum? Warum trägt man das Kopftuch? Natürlich aus religiösen Gründen, Aber es ist auch ein Symbol für Benachteiligung bzw. Unterdrückung von Frauen, oder? Ich habe das Gefühl, dass die Schülergeneration von Migranten, die ich hatte, anders war. Da war wirklich ein Drittel der Klasse zum Beispiel mit türkischem Hintergrund und die Mädels trugen keine Kopftücher und sind mit auf Klassenreise gefahren. Also das macht mir ein bisschen Sorgen, dass man sich selbst zum Objekt von Ausgrenzungen macht.

Wir haben hier im Rahmen des Projektes hier zum Beispiel auch mit einer Frau ein Interview geführt, die mit Anfang 30 beschlossen hat das Kopftuch zu tragen – weil die Religion in ihrem Leben eine wichtigere Rolle eingenommen hat. Sie sind ja auch ein religiöser Mensch, können Sie das nicht nachvollziehen, dass sich manche Menschen auch sichtbar zu Ihrer Religion bekennen wollen?

Ja, … ich kann das schon auch nachvollziehen. Ich darf ja eigentlich auch den Mund nicht so groß aufmachen: Durch meine sieben Jahre Pilgern auf dem Jakobsweg bin ich zum Muschel- Träger geworden und die Muschel ist ja auch so ein optisches religiöses Symbol. Und das ist ja so etwas Kopftuchartiges oder unser Kreuz, was wir Katholiken auch besonders gerne tragen. Ich bin da nicht ganz so weit von entfernt, mein Elternhaus war voller christlicher Symbole.

Vielen Dank für das Gespräch!