Die Kamera lacht nicht

Kinder- und Jugendtheater kirschkern Compes & Co.

Was passiert mit Theater, wenn es ohne Publikum auftritt und auf den Bildschirm statt auf die Bühne kommt? Wir haben uns mit dem Kinder- und Jugendtheater kirschkern Compes & Co. über die aktuelle Situation der Theater-Schaffenden unter Corona und über dadurch entstehende digitale Theaterformate unterhalten.

Texte voller Witz, Tiefe, Poesie und Klugheit, eine unheimliche Vielfalt der Stücke in Minimalbesetzung und eine akribische Besessenheit bei der Umsetzung – so beschreiben sie ihre Arbeit: die Dramaturgin Judith Compes und die Schauspielerinnen Monika Els und Sabine Dahlhaus, die gemeinsam das kleine Team des mobilen Theaters kirschkern Compes & Co. bilden. Die Freude an ihrer Arbeit ist sofort spürbar.

Doch nach einem Jahr Spielpause, in der Auftritte vor Publikum nur sehr vereinzelt möglich waren, ist der physische Kontakt zur Arbeit fast erkaltet. Die drei Frauen blieben aktiv und fanden kreative Lösungen, um weiterhin proben zu können und erarbeiteten mithilfe der Corona-Soforthilfe und Neustart-Prämie neue Projekte für die „Zeit danach”. Doch schwebt –  wie in der gesamten Kulturszene – über allem die Unsicherheit, wie es weitergeht.

Ein kleines Stückchen Theater-Normalität kehrte zur Freude der Gruppe ein, als sie im Februar im Eidelstedter KulturContainer ein neues Format ausprobieren konnte: der Filmdreh des Kindertheaterstückes So als ob, welches als Online-Stream seit dem 10. März auf unserem YouTube-Channel zu sehen ist.

„Das Stück So als ob macht das Wesen des Theaters erlebbar und baut eigentlich auf einem gemeinsamen Wir mit dem Publikum auf.“, erklärt Judith. Umso ungewohnter war es für die Schauspielerinnen nur vor der Kamera zu spielen, ohne die Reaktionen der Kinder. Sabine formuliert es treffend: „Die Kamera lacht nicht – wir erleben nicht, wie unsere Arbeit beim Publikum ankommt. Es verpufft seltsam im Universum.“

Auch wenn das Theater-Team den Dreh genossen hat, bleibt Theater in Videoform für sie nur eine Notlösung. Allenfalls vorstellbar seien in Zukunft interaktive digitale Theaterauftritte per Zoom mit eingeblendeten Theatermitschnitten –  ein Format mit dem das Team bereits experimentiert hat. Moni findet es dennoch generell fragwürdig, Kindern Formate anzubieten, die sie noch mehr vor den Bildschirm bringen als sie es ohnehin schon sind. Hinzu kommt, dass Zeit im Theater eine andere Dimension hat als im kurzsequenzigen Film. Das liege an der Einsteinschen Raumzeit, erläutert Moni schmunzelnd. Wenn der Raum nur zweidimensional ist, ist die Zeit eine andere. Das Theater lebe auch von der Atmosphäre im Raum, dem peripheren Blick und dem gemeinsamen Erleben der Energie der Menschen, so die Schauspielerinnen voll sehnsüchtiger Begeisterung.

Wir wünschen der Gruppe und allen Kindern jedenfalls, dass So als ob bald wieder live aufgeführt werden kann!

Das Interview führten Ann Eckert und Julika Singer
Text: Julika Singer

Foto oben: Lena Borchardt